23. Januar 2012
Schüsse auf Studenten

Berliner Polizei vertuschte Hintergründe des Ohnesorg-Todes

Foto: AP

Es ist ein Schlüsselereignis der bundesdeutschen Geschichte: 1967 wurde bei einer Demonstration der Student Benno Ohnesorg erschossen. Offenbar gezielt - das haben jetzt Recherchen von Ermittlern und SPIEGEL-Redakteuren ergeben. Die Polizei deckte den Schützen Karl-Heinz Kurras; sogar die Leiche des Opfers wurde manipuliert.

Die West-Berliner Polizei hat offenbar die Hintergründe des tödlichen Schusses auf den Studenten Benno Ohnesorg bei einer Demonstration gegen den Schah von Persien am 2. Juni 1967 vertuscht. Damit wurde der Kriminalbeamte Karl-Heinz Kurras, der Ohnesorg erschossen hatte, geschützt. Neue Ermittlungen der Bundesanwaltschaft und Recherchen des SPIEGEL haben ergeben, dass Kurras den Schuss offensichtlich unbedrängt aus nächster Nähe und umgeben von mehreren Polizisten abgegeben hat.

Kurras hatte sich dagegen bisher stets auf Notwehr berufen und beteuert, er sei von Demonstranten mit Messern bedroht worden. Eine neue Auswertung alter Filme und Fotos mittels hochauflösender Abtastung zeigt hingegen, dass dies nicht den Tatsachen entspricht.

Auf einer bislang unbekannten Filmsequenz, die von einem SFB-Team gedreht wurde, sieht man einen Mann mit ruhigen Schritten in Richtung Ohnesorg gehen, während sich in seiner Hand ein pistolenförmiger Gegenstand abzeichnet. Die Ermittler stellten dazu fest: "Die Konturen legen dabei nahe, dass es sich um Kurras handelt."

Falschaussagen führender Beamter

Der am Ort des Geschehens im Innenhof eines Hauses der Berliner Krumme Straße verantwortliche Einsatzleiter, der Staatsschutzbeamte Helmut Starke, hatte als Kurras' Vorgesetzter erklärt, er habe den Schützen erst erheblich später gesehen. Nun zeigen Fotos den leitenden Beamten der Berliner Polizei wenige Meter von der Stelle entfernt, an der Kurras aus kurzer Distanz den Schuss abgefeuert hat. Den Aussagen Starkes widerspricht insbesondere ein weiteres Foto, das jetzt im SPIEGEL erstmals vollständig veröffentlicht wird: Es zeigt nicht nur Starke und den verwundet am Boden liegenden Ohnesorg, sondern in unmittelbarer Nähe auch den Todesschützen Kurras.

Auf einem weiteren bislang unbekannten Bild ist die Situation der Schussabgabe zu sehen. Dabei stützt sich Kurras mit der linken Hand auf einen Kollegen der Polizei, während er mit der rechten Hand schießt. Der Name des Kollegen ist offenbar gezielt aus den Akten herausgehalten worden, er wurde nie vernommen. Ebenfalls nicht vernommen wurden drei Schutzpolizisten, die wahrscheinlich noch nach dem tödlichen Treffer auf den bereits am Boden liegenden Ohnesorg eingeprügelt hatten. Ihre Namen sind bis heute nicht ermittelt.

Der makaberste Akt der Vertuschung ereignete sich im Krankenhaus Moabit: Dort entfernten Ärzte Schädelteile um das Einschussloch herum und nähten die Kopfhaut wieder zu. Im Totenschein ist als Todesursache angegeben: "Schädelverletzung durch stumpfe Gewalteinwirkung." Dies, so sagte jetzt der Arzt, der den Schein ausstellte, dem SPIEGEL, habe er "nicht aufgrund eigener Feststellungen, sondern auf Anweisung meines damaligen Chefs gemacht."

Der Bundestagsabgeordnete Hans-Christian Ströbele reagierte geschockt auf die Ermittlungsergebnisse: "Es ist schlimmer als das Übelste, was wir damals vermuteten, so weit ging unsere Phantasie nicht", so der Grünen- Politiker. Ströbele sieht einen "hinreichenden Verdacht, dass es sich bei der Erschießung von Benno Ohnesorg um eine vorsätzliche Tat mit Tötungsabsicht gehandelt habe".


 

23. Januar 2012
Geheimdienst

Verfassungsschutz beobachtet 27 Linken-Abgeordnete

dapd

Linken-Fraktionschef Gysi: "Überwachung ist eine Unverschämtheit" Von Sahra Wagenknecht bis Gesine Lötzsch: Mehr als ein Drittel der Linken-Abgeordneten wird nach SPIEGEL-Informationen vom Verfassungsschutz beobachtet, damit gibt es noch mehr Betroffene als bekannt. Die Bespitzelung kostet pro Jahr rund 400.000 Euro, Gregor Gysi nennt das Vorgehen "ballaballa".

Hamburg - Die Linke wird vom Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) nach Informationen des SPIEGEL deutlich intensiver beobachtet als bisher bekannt. Laut einer Auskunft der Behörde für das Vertrauensgremium des Bundestages werden 27 linke Bundestagsabgeordnete beobachtet, mehr als ein Drittel der 76 Personen starken Fraktion. Dazu kommen noch elf Fraktionsmitglieder der Linkspartei verschiedener Landtage. Das BfV hatte bisher die Nennung der Namen abgelehnt, da dies "den operativen Zielen der Beobachtung zuwiderlaufen" würde. Im Visier der Geheimdienstler sind nicht nur Mitglieder aus dem radikalen Flügel der Partei, sondern auch viele Realos und fast die gesamte Führungselite der Bundestagsfraktion: der Vorsitzende Gregor Gysi, seine erste Stellvertreterin Sahra Wagenknecht, die Mitglieder des Fraktionsvorstands Dietmar Bartsch und Jan Korte sowie die Parlamentarische Geschäftsführerin Dagmar Enkelmann. Beobachtet werden auch die Bundesvorsitzende Gesine Lötzsch nebst Stellvertreterin Halina Wawzyniak, ebenso die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Petra Pau, die Vorsitzende des Ausschusses für Arbeit und Soziales, Katja Kipping, und das Mitglied im Vertrauensgremium des Bundestages, Steffen Bockhahn. Im Vertrauensgremium werden die Haushalte der Geheimdienste kontrolliert. Die Beobachtung von Bockhahn ist besonders heikel, weil die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages noch am 28. Dezember vergangenen Jahres festgestellt haben, dass "aufgrund der besonderen Aufgabenstellung des Vertrauensgremiums (…) nur ganz außergewöhnliche Umstände die Beobachtung eines Mitglieds (…) rechtfertigen". Laut einer Aufstellung des Bundesinnenministeriums vom 4. Januar 2012 sind im BfV sieben Mitarbeiter mit der "Bearbeitung der Partei Die Linke" beschäftigt, jährlicher Kostenpunkt für das Personal: rund 390.000 Euro. Zum Vergleich: Für die NPD sind im Amt über zehn Stellen eingeplant mit Kosten von rund 590.000 Euro. Das BfV betont, dass die linken Abgeordneten nicht "überwacht", sondern "beobachtet" würden und dass dabei keine "nachrichtendienstlichen Mittel" eingesetzt, sondern lediglich öffentlich zugängliche Quellen wie Zeitungen oder Redemanuskripte ausgewertet würden.

Gysi kritisiert Verfassungsschutz scharf

Gysi zeigte sich empört vom Vorgehen des Verfassungsschutzes. "Die Parlamentarier sind dafür da, den Inlandsgeheimdienst zu kontrollieren. Es ist eine Unverschämtheit, dass dieser meint, mehr als ein Drittel der Abgeordneten der Linksfraktion überwachen zu dürfen", sagte er der "Mitteldeutschen Zeitung" und fügte hinzu: "Nunmehr stellt sich endgültig heraus, dass der Verfassungsschutz ballaballa ist." Auch für die Grünen ist das Verhalten des jüngst wegen Ermittlungspannen gegen Rechtsterroristen unter Druck geratenen Geheimdienstes nicht nachvollziehbar. Es stelle sich schon die "Frage nach Sinn und Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen", sagte der Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen im Bundestag, Volker Beck. "Disproportional wirken die Maßnahmen zudem, wenn man sie vom Aufwand her mit den Maßnahmen gegen die NPD vergleicht." jok/dapd


 

16. Januar 2012
Privatisierung ist Diebstahl an der Öffentlichkeit

Das Gemeineigentum braucht Verfassungsrang

von Ugo Mattei

Wie kann das Gemeineigentum geschützt werden, wenn Regierungen die öffentlichen Dienstleistungen meistbietend verkaufen und die natürlichen Ressourcen verschleudern, deren Treuhänder sie doch sind? Das Konzept der Gemeingüter, im angelsächsischen Raum entstanden und in Ländern mit schwacher Zentralgewalt weiterentwickelt, tritt dafür ein, den Gegensatz zwischen öffentlichem und privatem Eigentum zu überwinden. Wenn ein Staat eine Eisenbahnstrecke, eine Fluggesellschaft oder ein Krankenhaus privatisiert, wenn er ein Stück Land beschlagnahmt, um eine Autobahn darauf zu bauen, wenn er die Trinkwasserversorgung aus den Händen gibt oder Universitäten verkauft, entzieht er der Gemeinschaft einen Teil ihrer Güter - so ähnlich wie er auch Privatbesitz enteignen kann, um eine Straße zu bauen oder ein öffentliches Gebäude zu errichten. Die Regierung bringt sich also, notfalls zwangsweise, in Besitz von etwas, das ihr nicht gehört. Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied: Die liberale Verfassungstradition schützt den Privateigentümer vor dem staatlichen Bauträger, indem sie eine Entschädigung für die Enteignung vorschreibt, während kein Gesetz und schon gar kein Verfassungsparagraf Schutz vor dem neoliberalen Staat bietet, der Gemeinschaftsgüter an die Privatwirtschaft veräußert. Angesichts der bestehenden Machtverhältnisse zwischen Staaten und multinationalen Konzernen ist diese Asymmetrie inzwischen sowohl rechtlich als auch politisch überholt. Es handelt sich somit um ein Manko in der Verfassung, aus dem die Regierungen die Erlaubnis ableiten, die Gemeingüter je nach Belieben zu verkaufen, um mit den Einnahmen ihre Wirtschaftspolitik zu finanzieren. Darüber vergessen wir ganz, dass die politischen Entscheidungsträger im Dienst souveräner Völker stehen und nicht umgekehrt. Gewiss, der Diener (die Regierung) muss über die Güter seiner Auftraggeber (die Bürger) verfügen können, um seinen Dienst erfüllen zu können. Aber seine Rolle ist die des vertrauenswürdigen Verwalters, nicht die des Eigentümers, dem es freisteht, sein Vermögen zu verschwenden. Sobald die Gemeingüter erst einmal veräußert, beschädigt oder zerstört sind, existieren sie für das Kollektiv nicht mehr. Sie lassen sich, wenn überhaupt, nur mit viel Mühe wiederherstellen, und das betrifft sowohl unsere Generation - sofern sie erkennt, dass sie mehrheitlich einen treulosen Diener gewählt hat - als auch zukünftige Generationen, denen man nicht einmal vorwerfen kann, eine falsche Wahl getroffen zu haben. Die Frage nach den Gemeingütern ist zunächst eine Frage der Verfassung, da politische Systeme in der Verfassung langfristige Optionen festlegen, die der Willkür der jeweiligen Regierungen entzogen bleiben sollen. Es kommt also zunächst darauf an, ein rechtstheoretisches Konzept zu entwickeln, das die Gemeingüter als eine besondere, sowohl private wie öffentliche Eigentumsform auffasst.(1) Die Zeit drängt, da der Diener inzwischen von einer gefährlichen Spielsucht befallen ist und sich verstärkt über Kredite statt durch Steuereinnahmen finanziert. Damit hat er sich in die Hände von Geldgebern begeben, die offenkundig stärker sind als er. In den meisten Staaten der Welt vergeuden die Regierungen, die über diverse Kanäle den globalen Finanzinteressen unterworfen sind, die Gemeingüter außerhalb jeglicher Kontrolle und rechtfertigen das damit, dass sie schließlich ihre Spielschulden begleichen müssten. Dank dieser Logik erscheint ein Zustand, der das Ergebnis wiederholter und bewusst getroffener politischer Entscheidungen ist, als naturgegeben und unumgänglich.

Der Staat als schlechter Hüter

Eine neue Auffassung von den Gemeingütern, nämlich als Werkzeuge, die der Befriedigung gemeinsamer Bedürfnisse und der Wahrnehmung allgemeiner Grundrechte dienen, entsteht jedoch nicht auf dem Papier.2 Sie bildet sich im Verlauf von weltweit geführten Auseinandersetzungen, die zwar oft erfolglos, aber immer emanzipatorisch sind. In vielen Fällen sind dabei die eigentlichen Gegner genau jene Staaten, in deren Obhut sich die Gemeingüter befinden. Aber statt auf sie achtzugeben, beuten sie sie zum Nutzen multinationaler Konzerne aus und begeben sich in eine Position der Abhängigkeit und Schwäche gegenüber Unternehmen, die ihnen ihre Privatisierungs-, Landnutzungs- und Bewirtschaftungspolitik diktieren. Die Dialektik von Staat und Privateigentum hat sich in einem historischen Moment herausgebildet, als nur das Privateigentum Schutz vor autoritären und allmächtigen Regierungen zu benötigen schien. Deshalb ist beispielsweise das "öffentliche Interesse am Schutz des Privateigentums" in den Verfassungen verankert, deshalb sind im demokratischen Rechtsstaat durch den sogenannten Gesetzesvorbehalt Grundrechtseinschränkungen möglich (allerdings nicht in Form einzelner Verordnungen oder Verwaltungsakte), und deshalb existieren genaue Regeln für Entschädigungsfragen. Da sich mittlerweile das Kräfteverhältnis zwischen Staat und Privatsektor verschoben hat, braucht auch das Gemeineigentum Schutz und langfristige Garantien. Doch die sind innerhalb des etablierten Rahmens, der die öffentlichen Aufgaben auf den Staat beschränkt, kaum vorstellbar. Der liberale Schutz der Privatsphäre vor dem Staat reicht nicht mehr aus. Oft entsteht beim Kampf für Trinkwasser, öffentliche Universitäten und Ernährungssicherheit oder gegen umweltschädliche Großprojekte zunächst nur ein vages politisches Bewusstsein für die Enteignung oder Ausbeutung von Gemeingütern, aus dem sich noch kein richtungsweisendes, neues theoretisches Instrumentarium entwickelt. Hier kommt der Kategorie der Gemeingüter eine neue Funktion zu, denn sie kann die Allgemeinheit sowohl vor dem neoliberalen Staat als auch vor der Macht der Privatwirtschaft schützen. Das Konzept der Gemeingüter hat einen qualitativen Sprung nach vorn getan, als 2009 die US-Ökonomin Elinor Ostrom für ihre Arbeiten über die commons und insbesondere für ihr Buch "Die Verfassung der Allmende"(3) den Wirtschaftsnobelpreis erhielt. Leider hat diese Aufwertung das kritische Potenzial des Konzepts weitgehend entschärft. Viele Wissenschaftler sträuben sich einfach, die revolutionären Konsequenzen von Ostroms Entwurf anzuerkennen - die bestünden nämlich darin, den Gemeingütern in den Kategorien des Rechts und der Politik eine zentrale Rolle einzuräumen. Die "Tragik der Allmende"(4) besteht angeblich darin, dass gemeinsame Ressourcen, wenn sie frei zugänglich sind, übernutzt und in ihrer Existenz gefährdet werden. Demzufolge wäre das Gemeinschaftliche der rechtsfreie Raum schlechthin, vergleichbar mit einem üppigen Büfett, auf das sich der geladene Gast stürzt, um sich auf Kosten anderer ein Maximum an Kalorien einzuverleiben. Der gefräßige homo oeconomicus würde in kürzester Zeit die größtmögliche Menge an Nahrung verzehren.

Wie ein Nimmersatt am Büfett

Elinor Ostrom hat gezeigt, dass Menschen aus Fleisch und Blut in der realen Welt kaum je ein derartiges Verhalten an den Tag legen. Anders die Privatunternehmen und die neoliberalen Staaten, die alle beide dazu neigen, sich den Gemeingütern gegenüber genauso aufzuführen wie ein Nimmersatt am Büfett: Sie versuchen, sich auf Kosten der Allgemeinheit ein Maximum an Ressourcen anzueignen. Getrieben von den Interessen der Manager und Aktionäre sowie der Staaten und ihrer führenden Politiker, streben sie nach dem schnellen, eigennützigen Gewinn und verbergen ihr Verhalten meist hinter einem dichten ideologischen Nebel. Ist der Diskurs über die Gemeingüter erst einmal im wissenschaftlich-akademischen Mainstream angekommen, läuft er Gefahr, zu einem modischen Konzept der Krisenbewältigung zu werden, genau wie "Nachhaltigkeit" oder "Green Economy". Seit der Neuzeit verschmolzen Recht, Technik und Ökonomie zu einer neuen Vorstellungswelt, in der die "Wissenschaft" fortan dazu da war, die Schätze der Natur (Kohle, Öl, Gas, Süßwasser) zu nutzen und zu vergeuden - Ressourcen, die wir nicht herstellen können und die sich nicht von selbst erneuern, es sei denn innerhalb von Jahrmillionen. Auf dieser Vorstellung basiert die Wissenschaft der raschen und effizienten Ausbeutung dieser natürlichen Güter, die wir seit drei Jahrhunderten "Ökonomie" nennen.(5) Für das moderne Denken gilt es als selbstverständlich, die Gemeingüter auszubeuten - durch einen Konsum, der zwangsläufig zu ihrer Privatisierung führt und dabei diejenigen begünstigt, die sie am effizientesten zu nutzen und zu verwerten verstehen. Mit der Anhäufung kommt die Vermarktung, deren Voraussetzungen Geldwirtschaft, privater Grundbesitz und Lohnarbeit sind. Sie vereinnahmen zu rein kommerziellen Zwecken einzigartige und nicht reproduzierbare Werte. Karl Marx beschrieb den Prozess der ursprünglichen Akkumulation - insbesondere den Raub des Gemeindelandes im England des 16. Jahrhunderts - als erste Etappe der kapitalistischen Entwicklung: Sie ermöglichte den Aufbau eines ausreichenden Grundkapitals, um die industrielle Revolution in Gang zu setzen. Man könnte diese Definition allerdings auch weiter fassen und überlegen, ob nicht die ursprüngliche Akkumulation durch Güterraub auch die Privatisierung dessen einschließt, was über Steuereinnahmen von allen gemeinsam aufgebaut und erarbeitet wurde: öffentlicher Dienst und Personenverkehr, Telekommunikation, städtische Straßennetze, Kulturgüter und Landschaftsgestaltung, Schulen, Krankenhäuser; kurzum alle Einrichtungen, die das gesellschaftliche Leben prägen, bis hin zu Landesverteidigung und Strafvollzug.(6) Es ist Zeit, umzudenken. Nur wenn wir die Gemeingüter in den Mittelpunkt der Betrachtung stellen, schaffen wir die Grundlagen für die überfällige verfassungsrechtliche Trendwende. Dann kann es gelingen, das Paradox der liberalen Verfassungstradition - dass das Privateigentum einen größeren Schutz genießt als das Gemeineigentum - zu entlarven, zu kritisieren und zu beseitigen.

Fußnoten:

(1) Michael Hardt und Antonio Negri, "Common Wealth. Das Ende des Eigentums", Frankfurt am Main (Campus) 2010.

(2) Ugo Mattei und Laura Nader, "Plunder. When the Rule of Law is Illegal", Oxford (Blackwell) 2008.

(3) Elinor Ostrom, "Die Verfassung der Allmende: jenseits von Staat und Markt", Tübingen (Mohr Siebeck) 1999.

(4) Garrett Hardin, "Die Tragik der Allmende", in: Michael Lohmann (Hg.): "Gefährdete Zukunft", München (Hanser) 1970, S. 30-48.

(5) Carlo M. Cipolla, "Wirtschaftsgeschichte und Weltbevölkerung", München (dtv) 1972.

(6) Elisabetta Grande, "Il terzo strike. La prigione in America", Palermo (Sellerio) 2007. Siehe dazu auch David Harveys, "Der ,neue' Imperialismus: Akkumulation durch Enteignung", Hamburg (VSA) 2003. Aus dem Französischen von Michael Halfbrodt Ugo Mattei ist Professor für internationales und vergleichendes Recht am Hasting College of the Law der University of California und Verfasser von "Beni comuni. Un manifesto", Bari/Rom 2011.

Le Monde diplomatique Nr. 9700 vom 13.1.2012, 305 Zeilen, Ugo Mattei


 

16. Januar 2012

Michel Rocard / Pierre Larrouturou, „Warum sollen Staaten 600-mal mehr als Banken zahlen?“

12. Januar 2012 um 8:38 Uhr Verantwortlich: Wolfgang Lieb

Kann es sein, dass Privatbanken, die sich üblicherweise zu 1% bei Zentralbanken refinanzieren, in Krisenzeiten in den Genuss eines Zinssatzes von 0,01% kommen, während in der gleichen Krise einige Staaten gezwungen werden, 600- bis 800-mal höhere Zinssätze zu zahlen? Inhalte eines in der Pariser Tageszeitung Le Monde vom 3.1.2012 (S.20) erschienen Artikels übertragen von Gerhard Kilper Originaltitel: „Pourquoi faut-il que les Etats payent 600 fois plus que les banques?“ Originalquelle: Le Monde Autoren: Michel Rocard, Ökonom, 1988-1991 unter Mitterand französischer Ministerpräsident, Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats des sozialdemokratisch orientierten, französischen Think-thanks Terra Nova Pierre Latourrurou, Ökonom, ehemaliges PS-Mitglied, sitzt im politischen Beraterstab der frz. Grünen (Europe-Ecologie), Autor des Buches „Pour éviter le krach ultime“ (Maßnahmen zur Vermeidung des allerletzten Crashs).

Warum sollen Staaten 600-mal mehr als Banken zahlen?

Das sind unglaubliche Zahlen. Man wusste zwar schon, dass George W. Bush und Henry Paulson Ende 2008 zur Rettung amerikanischer Banken 700 Milliarden Dollar (540 Milliarden Euro) auf den Tisch legten. Doch jetzt gab ein amerikanischer Richter Journalisten des Hauses Bloomberg Recht, die von der amerikanischen Zentralbank Fed die Offenlegung aller an das amerikanische Bankensystem gewährten Hilfen verlangten. Nach eingehender Durchsicht von rund 20 000 Seiten unterschiedlicher Dokumente enthüllte Bloomberg, dass die amerikanische Zentralbank heimlich Kredite von über 1.200 Milliarden Dollar an Not leidende Banken zum unglaublichen Zinssatz von 0,01% gewährt hatte.

Zur gleichen Zeit leiden in zahlreichen Ländern die Menschen unter den ihnen von ihren Regierungen auferlegten Spar- und Kürzungsprogrammen (Austeritätsmaßnahmen). Die Finanzmärkte waren nicht mehr bereit gewesen, diesen Ländern Kredite von auch nur einigen Milliarden zu Zinssätzen unter 6, 7 oder 9% zu gewähren!

Erstickt unter solchen Zinssätzen waren die Regierungen „gezwungen“, Renten, Familiensozialleistungen oder Beamtengehälter einzufrieren und Investitionen zu kürzen. Unmittelbare Folge dieser Maßnahmen ist steigende Arbeitslosigkeit und sie werden uns bald eine schwere Rezession bringen.

Kann es sein, dass Privatbanken, die sich üblicherweise zu 1% bei Zentralbanken refinanzieren, in Krisenzeiten in den Genuss eines Zinssatzes von 0,01% kommen, während in der gleichen Krise einige Staaten gezwungen werden, 600- bis 800-mal höhere Zinssätze zu zahlen?

Der ehemalige amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt stellte die Behauptung auf

„Vom organisierten Geld regiert zu werden ist genauso schlimm wie vom organisierten Verbrechen regiert zu werden.“

 Er hatte Recht. Wir erleben zurzeit eine Krise des deregulierten Kapitalismus, die für unsere Zivilisation selbstmörderisch sein kann. Wie Stéphane Hessel und Edgar Morin in ihrem Buch „Der Weg der Hoffnung“ (Le chemin de l’espérance, Verlag Fayard 2011) schreiben, unsere Gesellschaften haben die Wahl: Metamorphose oder Untergang?

Werden wir warten, bis es zu spät ist, endlich die Augen auf zu machen? Werden wir warten, bis es zu spät ist, die Schwere der Krise zu begreifen oder werden wir vor dem Auseinanderbrechen unserer Gesellschaften gemeinsam eine Metamorphose schaffen? Hier ist nicht der Platz, die 10 oder 15 konkreten Reformen genauer zu beschreiben, die einen grundlegenden Wandel ermöglichen könnten. Wir wollen nur zeigen, dass ein solcher möglich ist und dass Paul Krugman mit seiner Meinung (hoffentlich G.K.) Unrecht hat, Europa schließe sich in eine “Spirale des Todes“ ein.

Wie könnte man unseren öffentlichen Finanzen etwas Luft verschaffen? Welche Handlungsmöglichkeiten verbleiben, ohne dass bestehende Verträge geändert werden müssen? An einer solchen Änderung müsste monatelang gearbeitet werden und geänderte Verträge könnten nicht in Kraft gesetzt werden, solange Europa von seinen Bürgern immer mehr gehasst wird.

Angela Merkel hat Recht mit ihrer Aussage, man müsse die Flucht nach vorne antreten. Aber: der Großteil der Gelder, die sich unsere Staaten auf den Finanzmärkten besorgen, bedient Altschulden. Im Jahr 2012 werden sich die von Frankreich an den Finanzmärkten aufgenommenen Kredite auf ca. 400 Milliarden Euro belaufen. 100 Milliarden davon sind für unser aktuelles Haushaltsdefizit (bei Streichung der Steuersenkungen der letzten 10 Jahre wäre dies heute quasi null) und 300 Milliarden sind für unsere Altschulden. Diese Altschulden werden zur Tilgung anfallen, die jedoch nur durch Aufnahme neuer Kredite in gleicher Höhe möglich ist.

Die Zahlung enorm hoher Zinssätze für Schulden, die 5 oder 10 Jahre lang akkumuliert wurden, kann nicht der Entwicklung des Verantwortungsbewusstseins der Regierungen dienen. Die enorm hohen Zinssätze ersticken nur unsere Volkswirtschaften zugunsten der Profite einiger Privatbanken. Unter dem Vorwand von Risiken werden von Privatbanken Hochzins-Kredite an Eurozonen-Staaten vergeben, obwohl die Banken genau wissen, dass wahrscheinlich kein reales Risiko besteht, da zur Garantie staatlicher Zahlungsfähigkeit der europäische Finanzstabilitätsfonds FESF eingerichtet wurde …

Das Anlegen von zweierlei Maßen und Gewichten muss jetzt ein Ende haben. Angeregt durch die Praxis der amerikanischen Zentralbank schlagen wir zur Rettung des europäischen Finanzsystems vor, dass die Altschulden der Eurozonen-Staaten mit einem 0%-Zinssatz refinanziert werden.

Zur Umsetzung dieses Vorschlags brauchen die europäischen Verträge nicht geändert zu werden. Zwar kann nach den EU-Verträgen die EZB nicht direkt Kredite an Staaten vergeben, doch die EZB kann nach Artikel 21.3 der Satzung des „Systems europäischer Zentralbanken“ ohne Beschränkung Kredite an öffentliche Kreditinstitutionen und nach Artikel 23 dieser Satzung auch an internationale Organisationen vergeben. Das heißt praktisch: die EZB kann Kredite an die Europäische Investitionsbank oder an öffentliche Depositenkassen zu einem Zinssatz von 0,01% gewähren. Diese wiederum könnten Kredite an Staaten zur Tilgung ihrer Altschulden zu einem Zinssatz von 0,02% geben.

Es gibt kein Hindernis für die Etablierung solcher Finanzierungsregelungen schon ab dem Januar 2012! Man kann nicht genug betonen: der italienische Haushalt hat einen grundsätzlichen Überschuss. Das italienische Budget wäre daher im Gleichgewicht, wenn nicht immer höhere Zinsen bezahlt werden müssten. Soll man Italien in die Rezession und in eine politische Krise hinein treiben oder ist man bereit, das Ende der bisherigen Profitmargen der Privatbanken zu akzeptieren? Für den, der Gemeinwohl orientiert politisch denkt und handelt, müsste die Antwort klar sein.

Die europäischen Verträge weisen der EZB die Wächterrolle über die Preisstabilität zu. Wie kann es sein, dass die EZB nicht reagiert, wenn sich in einigen Ländern die (Zinsen als) Preise für Staatspapiere in wenigen Monaten verdoppeln oder verdreifachen?

Die EZB hat auch die Aufgabe, über die Stabilität unserer Volkswirtschaften zu wachen. Wie kann sie dann überhaupt nicht reagieren, wenn der (hohe) Preis für die Staatsschulden dafür verantwortlich ist, dass unsere Volkswirtschaften in eine Rezession abzugleiten drohen (nach Einschätzung des Gouverneurs der Bank von England in eine schlimmere Rezession als die 1930er Krise)?

Wenn man sich strikt an die europäischen Verträge hält, kann nichts die EZB daran hindern, mit Nachdruck für die Senkung des Preises staatlicher Schulden aktiv zu werden bzw. wenn die EZB vertragstreu ist, wird sie alle ihr zur Verfügung stehenden Hebel zur Senkung des Preises der öffentlichen Schuld in Bewegung setzen. Insgesamt macht doch genau die Inflation (dieser Preise) am meisten Sorge! 1989 nach dem Fall der Mauer benötigten Helmut Kohl, François Mitterand und die anderen Staatschefs nur einen Monat Zeit, um sich auf die Schaffung einer europäischen Einheitswährung zu verständigen. Worauf warten unsere Regierenden nach jetzt vier Jahren Krise noch, um unseren öffentlichen Finanzen Luft zu verschaffen?

Unser oben vorgeschlagener Mechanismus kann umgehend in die Tat umgesetzt werden. Er kann sowohl zur Senkung der Kosten staatlicher Altschulden, als auch zur Finanzierung fundamentaler europäischer Zukunftsinvestitionen – etwa bei der Energieeinsparung – heran gezogen werden. Auch diejenigen haben Recht, die Verhandlungen über einen neuen europäischen Vertrag fordern. Ein politisches Europa als handlungsfähige politische Einheit in der globalisierten Welt könnte von Ländern gebildet werden, die das ausdrücklich wollen. Ein solcher Vertrag müsste ein wahrhaft demokratisches Europa begründen – wie es schon 1994 Wolfgang Schäuble und Karl Lamers oder auch Joschka Fischer im Jahr 2000 vorschlugen. Begleitend dazu wäre auch ein Vertrag zur Konvergenz im sozialen Bereich und zur Etablierung einer echten Wirtschaftsregierung erforderlich.

Alles oben Dargelegte ist unverzichtbar. Sollte jedoch unser Kontinent in der „Spirale des Todes“ versinken und die europäischen Bürger weiter alles, was aus Brüssel kommt, hassen, kann es auch keinen neuen europäischen Vertrag geben. Es ist daher höchste Zeit, den Europäern ein klares Signal zu geben: Europa befindet sich nicht in den Händen der Finanzlobby, Europa ist für seine Bürger da!

Quelle: www.nachdenkseiten.de


 

16. Januar 2012

Parlamentarische Anfrage

24 Ex-NSDAP-Mitglieder arbeiteten in Nachkriegs-Regierungen

Kurt Georg Kiesinger (rechts, im Gespräch mit Willy Brandt): Mitgliedschaft in der NSD Foto AP:

Die Liste früherer NSDAP-Mitglieder, die später bundesdeutschen Kabinetten angehörten, ist lang: Der Antwort der Bundesregierung auf eine Linken-Anfrage zufolge gab es 24 Fälle. Die NSDAP-Mitgliedschaft allein lasse aber keine Rückschlüsse auf eine nationalsozialistische Grundeinstellung zu. Berlin - Den bundesdeutschen Nachkriegs-Regierungen gehörten im Laufe der Jahrzehnte mehr als 20 ehemalige Mitglieder der NSDAP an. Das geht aus der am Mittwoch verbreiteten Antwort der Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage der Linken hervor. Darin werden neben dem früheren Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger (CDU) 23 Bundesminister aufgelistet, die zumindest zeitweise der Hitler-Partei angehörten. Dazu gehören etwa die früheren FDP-Außenminister Hans-Dietrich Genscher und Walter Scheel, der einstige Wirtschafts- und Finanzminister Karl Schiller (SPD) sowie der frühere Innenminister Friedrich Zimmermann (CSU). Der spätere Bundesfinanzminister Franz Etzel (CDU) war der Liste zufolge bereits 1927 wieder aus der NSDAP ausgetreten. Diesen Schritt vollzog im Jahr 1943 auch der spätere Innen-, Außen- und Verteidigungsminister Gerhard Schröder (CDU). Die Bundesregierung betonte in ihrer Antwort allerdings, eine bloße Mitgliedschaft in der NSDAP lasse keine sicheren Rückschlüsse auf eine nationalsozialistische Grundeinstellung zu: "Auch prominente Einzelfälle wie Oskar Schindler oder der Widerständler Ulrich von Hassell machen anschaulich, dass eine NSDAP-Mitgliedschaft, für sich genommen, wenig aussagekräftig ist. hen/dpa

Quelle: www.spiegel.de/politik/deutschland vom 11.01.2012

 

15. April 2011

Energie-Experte kritisiert Bau des Gaskraftwerks in Wustermark

14.04.2011, 16:56 Uhr | dapd Wustermark (dapd-lbg).

Das in Wustermark geplante Gaskraftwerk widerspricht nach Ansicht eines Wissenschaftlers Bemühungen um eine alternative Energiegewinnung. Das von der Landesregierung befürwortete Projekt sei ein "Bremsklotz für die weitere Entwicklung erneuerbarer Energien und deren Industrie in Brandenburg", sagte der Energie- und Umweltexperte Jürgen Rochlitz am Donnerstag in Wustermark. Rochlitz ist Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands der Bürgerinitiativen für Umweltschutz sowie Mitglied der Kommission für Anlagentechnik, die in diesen Fragen auch die Bundesregierung berät. Auf Bitten der Bürgerinitiative Wustermark, die den Bau des Kraftwerks verhindern will, habe er das Vorhaben bewertet und dabei "entscheidende Schwachpunkte" analysiert, sagte Rochlitz. Das Kraftwerk, das die Advanced Power AG in der havelländischen Gemeinde entwickeln will, sei "zu groß und unflexibel, zu laut und zu ineffizient". Zudem sei der Abstand der Anlage zu angrenzenden Siedlungsbereichen zu gering. Die von den Projektentwicklern angekündigte Bruttostromerzeugung des Gaswerks von jährlich elf Megawattstunden sei "völlig überdimensioniert", fügte Rochlitz hinzu. Damit könne fast der gesamte Stromverbrauch des Landes von 14 Megawattstunden gedeckt werden. Inzwischen gebe es aber so viele Solaranlagen in Brandenburg, dass gar kein Bedarf für das Gaskraftwerk bestünde. Ginge das Gaskraftwerk ans Netz, bräuchte Brandenburg kein einziges Braunkohlekraftwerk mehr, sagte der Experte. Rochlitz monierte zudem eine unzureichende Risiko- und Störfallbewertung der geplanten Anlage sowie negative Folgen für benachbarte natürliche Lebensräume. "Größter Knackpunkt" sei jedoch die geringe Effizienz des 1.200-Megawatt-Kraftwerks. Der von den Planern diagnostizierte Netto-Wirkungsgrad von 59 Prozent sei im Vergleich mit anderen Kraftwerken zwar ein Spitzenwert. Allerdings würden in Wustermark allein 800 Megawatt nur über Ventilatoren "in die Luft geblasen", kritisierte Rochlitz. "Dass die Landesplanung das Vorhaben trotz dieses Defizits gutheißt, ist ein Trauerspiel." Das Infrastrukturministerium hatte vor einigen Wochen erklärt, dass das Gaskraftwerk mit den Zielen der Raumordnung vereinbar sei. Allerdings müssten Maßgaben zur Vorsorge bei möglichen Störfällen und für den Lebensraum geschützter Tiere beachtet werden. Der Bau des Kraftwerks soll 2012 beginnen und 2015 fertiggestellt werden. Die Investitionssumme wird vom Projektentwickler mit 640 Millionen Euro beziffert. Noch ist das Genehmigungsverfahren nicht abgeschlossen. Auch steht in Wustermark laut Bürgerinitiativen-Sprecherin Michaela Belter die endgültige Entscheidung zur Ansiedlung des Gaskraftwerks noch aus.

Quelle: http://nachrichten.t-online.de/energie-experte-kritisiert-bau-des-gaskraftwerks-in-wustermark/id_45766008/index


Ich bin demokratische Sozialistin!

8. Januar 2011 Gesine Lötzsch

Ich bin demokratische Sozialistin! Rede von Gesine Lötzsch, Vorsitzende der Partei DIE LINKE, auf der Rosa- Luxemburg-Konferenz in der Berliner Urania

Liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Rosa-Luxemburg-Konferenz, herzlichen Dank für diesen herzlichen Empfang! Ich werde hier nicht noch einmal meinen Artikel, den ich für die junge Welt geschrieben habe, vortragen, wie es einige Zeitungen geschrieben haben, sondern ich werde einige Fragen beantworten. Und ich würde mich natürlich freuen, wenn möglichst viele den Artikel vollständig lesen und sich nicht in der Diskussionen auf unseriöse "Spiegel"-Artikel beziehen würden.

Ich komme zu sechs Fragen:

Erste Frage: Wer bin ich?

Mein Name ist Gesine Lötzsch. Ich bin demokratische Sozialistin! Ich wurde seit 1990 immer direkt, insgesamt acht Mal, in das Berliner Abgeordnetenhaus und in den Deutschen Bundestag gewählt; bei der Bundestagswahl 2009 mit fast der Hälfte aller abgegebenen Stimmen in meinem Wahlkreis. Ich habe von meinen Wählerinnen und Wählern den Auftrag bekommen, ihre Interessen in den Parlamenten zu vertreten. Im Mai 2010 bin ich mit 92,8 Prozent zur Vorsitzenden der Partei Die Linke gewählt worden. Wenn jetzt einige Politiker der Meinung sind, dass ich keine Demokratin wäre und nicht auf dem Boden des Grundgesetzes stünde, dann ist das eine Unverschämtheit!

Besonders die Politiker, die völkerrechtswidrige Kriege gegen die Mehrheit der Bevölkerung beschlossen haben, die sollen mir nicht erklären, was Demokratie ist! Weder meine Wählerinnen und Wähler in meinem Wahlkreis noch meine Genossinnen und Genossen, die mich auf dem Bundesparteitag gewählt haben, haben mir irgendwelche Denk-oder Sprechverbote erteilt. Daran und nur daran halte ich mich! Ich bin mit Haut und Haar Demokratin. Und ich sage Euch: Keine Partei in diesem Land nimmt die Demokratie so ernst, wie die Partei Die Linke.

Ich bin immer wieder entsetzt, wie CDU/CSU und FDP mit dem demokratisch gewählten Bundestag umgehen. Das jüngste Beispiel ist die Verlängerung der Laufzeiten für die Atomkraftwerke. Und selbst der Präsident des Deutschen Bundestages beschwerte sich öffentlich über das undemokratische Verfahren der Bundesregierung im Umgang mit Bundestag und Bundesrat. Die Linke ist eine demokratische Partei, und sie wird mit demokratischen Mitteln dieses Land grundsätzlich verändern!

Zweite Frage: Warum bin ich hier?

Ich wurde von der Zeitung junge Welt eingeladen, über eine zukünftige Gesellschaft in einem Artikel nachzudenken. Das habe ich getan. Ich komme in dem Artikel zu dem Schluss, dass der Kapitalismus nicht das Ende der Geschichte ist und dass dem demokratischen Sozialismus die Zukunft gehört – so, wie es auch im Programmentwurf unserer Partei steht. Es wurde ein enormer Druck auf mich ausgeübt, diese Konferenz nicht zu besuchen, aber ich lasse mir doch nicht von unseren politischen Gegnern vorschreiben, zu welchen Konferenzen ich gehe. Der Genosse Gregor Gysi würde sagen: "Ja, wo leben wir denn?"

In dieser Gesellschaft werden jeden Tag Menschen ausgegrenzt, ob Arbeitslose, Kinder, politisch Andersdenkende oder einfach nur Bürgerbewegte, die die Nase voll haben von Prestigeprojekten wie dem Stuttgarter Bahnhof oder dem Berliner Schloß.

Ich will eine andere Gesellschaft, eine Gesellschaft, in der Menschen nicht ausgegrenzt werden. Das schließt Stalinismus und autoritären Sozialismus grundsätzlich aus. Nein, ich habe die Opfer des Stalinismus und des autoritären Sozialismus nicht vergessen, natürlich nicht, wie kann ich denn? Ich habe alle Veröffentlichungen, die unsere Partei und die Rosa-Luxemburg-Stiftung zur Auseinandersetzung mit unserer eigenen Geschichte publiziert haben, zusammenstellen lassen. Das sind fünf laufende Meter!

Wir haben schon 1990 auf unserem Gründungsparteitag mit dem Stalinismus gebrochen und uns bei den Opfern entschuldigt. 20 Jahre lang haben wir nicht nur Artikel und Bücher geschrieben, sondern sehr intensiv diskutiert und mit unserer Geschichte gerungen. Viele Genossinnen und Genossen haben deshalb die Partei verlassen. Wer also immer noch behauptet, wir als Linke hätten unsere Geschichte nicht aufgearbeitet, der ist entweder ignorant oder böswillig. Beim Schreiben meines Artikels für die junge Welt habe ich natürlich an die Opfer des Stalinismus gedacht, und zwar an alle. Aber gerade deshalb wäre es falsch, den Mantel des Schweigens über die Idee des Kommunismus auszubreiten.

Ein Blick über die Landesgrenzen hinaus: Hätte etwa Nelson Mandela Herrn Seehofer fragen sollen, ob er im ANC zusammen mit Kommunistinnen und Kommunisten die Apartheid stürzen darf? Wohl kaum. Wenn es nach der CSU gegangen wäre, würde es die Apartheid noch heute geben, und bayerische Konzerne würden immer noch unmenschliche Extraprofite auf Kosten der Mehrheit der Südafrikanerinnen und Südafrikaner erzielen.

Gregor Gysi wies in einem Zeitungsartikel kritisch darauf hin, dass unter dem Begriff des Kommunismus die Menschen an Stalin und die Mauer denken. Da hat er Recht, deshalb müssen wir Aufklärungsarbeit leisten! Gregor Gysi hat aber nicht Recht, wenn er meint, dass man den Begriff des Kommunismus nicht mehr verwenden darf. Übrigens bemerkt der Chefredakteur des Neuen Deutschland nicht ganz zu Unrecht in einem Kommentar unter dem Titel "Armselige Debatte" über den Vorwurf einiger Kritiker, dass ich mich nicht ausreichend zu den Opfern des Stalinismus in dem Artikel geäußert hätte: "Das kann man vereinbaren - wenn fortan auch das Wort Christentum nie mehr gebraucht wird, ohne dessen blutige Spur der Brandmorde an Hexen und Ketzern, der Kreuzzüge und der Kumpanei des Vatikan mit dem Hitler-Faschismus 'einen Viertelsatz zu widmen'."

Dritte Frage: Wer ist Kommunistin, wer ist Kommunist?

Wer Kommunist ist und wer nicht, das wird in dieser Gesellschaft durch Medienkonzerne festgelegt. Wer gestern noch als Reformer galt, kann schon morgen als Kommunist beschimpft werden. Da spreche ich auch aus eigener Erfahrung. Präsident Obama erlebt es auch gerade am eigenen Leibe. Wenn man die Stichwörter "Obama" und "Kommunist" bei Google eingibt, dann bekommt man 92 600 Einträge! Ist Obama ein Kommunist, weil er eine Krankenversicherung für alle Menschen will? Sicherlich nicht, doch dazu wird er gerade - gegen seinen Willen - von radikal fundamentalistischen Politikern gemacht, und das macht mir wirklich Angst.

Vierte Frage: Warum reagiert das Establishment so hysterisch auf meinen Artikel?

Ich weiß aus vielen Mails, Anrufen und Internetforen, daß das Interesse an Ideen und Visionen von einer gerechten Gesellschaft überwältigend ist. Die hysterischen Reaktionen einiger Politiker und Medienvertreter – nicht aller - auf meinen Artikel kann ich mir nur so erklären, dass die Unsicherheit in den Reihen der Neoliberalen dramatisch zugenommen hat. Vor der Finanzkrise hätte dieser Artikel wahrscheinlich nur eine geringere Aufmerksamkeit gefunden.

Heute habe ich aber in ein Wespennest gestochen. In einer Mitteilung der Linksjugend des Hamburger Landesverbandes, wo ich heute auf dem Parteitag gesprochen habe, zu meinem Junge-Welt-Artikel steht: "In der kapitalistischen Gesellschaft hungert heute jeder siebte Mensch auf der Erde. Laut den G-8-Staaten besitzen über 1,3 Milliarden Menschen keine angemessene Gesundheitsversorgung, etwa dieselbe Zahl von Menschen lebt (...) in absoluter Armut." Doch auch in den Zentren des Kapitalismus, hier bei uns, erleben viele Menschen, dass die Gesellschaft auseinanderdriftet und wir in einer Klassengesellschaft leben.

Ist es nicht Ausdruck einer Klassengesellschaft, wenn Herr Zumwinkel, der Jahrzehnte Millionen an Steuern hinterzogen hat, mit Bewährung davonkommt und gleichzeitig Obdachlose, die ohne Fahrkarte erwischt wurden und ihre Strafe nicht zahlen können, im Gefängnis sitzen?

Ist es da verwunderlich, dass Menschen von einer klassenlosen Gesellschaft träumen, in der vor dem Gesetz alle gleich sind? Nicht das Nachdenken über eine gerechtere Gesellschaft, sondern der Kapitalismus heutiger Prägung ist ein Skandal! Und darum wird jeder Gedanke an eine andere Gesellschaft von den Herrschaften als Bedrohung empfunden. Denkverbote werden ausgesprochen, und der Einsatz des gesamten Repressionsapparates wird angedroht. Doch das schreckt immer weniger Menschen. In Anbetracht der Finanzkrise gibt es ein großes Bedürfnis, über eine neue, eine andere Gesellschaft zu diskutieren. Im Juni 2010 gab es sogar eine Konferenz in der Volksbühne in Berlin über "Idee des Kommunismus".

In Krisen denken die Menschen über gesellschaftliche Alternativen intensiver nach. Der Verkauf des Marxschen "Kapital" stieg während der Finanzkrise sprunghaft an. Wir erleben täglich, dass diese Gesellschaft nicht mehr in der Lage ist, Grundprobleme zu lösen, da ist es doch legitim, über eine bessere Gesellschaft nachzudenken.

Fünfte Frage: Warum lehnt die Partei Die Linke Terrorismus zur Erreichung unserer Ziele ab?

Es gibt Menschen, die in Deutschland aufgewachsen sind und bereit sind, sich als Terroristen in Pakistan ausbilden zu lassen und ihr Leben zu opfern. Ich finde das furchtbar! Unsere Gesellschaft muss sich endlich ernsthaft mit dem Terrorismus auseinandersetzen. Die Frage, was Terrorismus ist, hat Oskar Lafontaine kurz und präzise in einer Bundestagsrede beschrieben: "Für die Linken ist Terrorismus das Töten unschuldiger Zivilisten zum Erreichen politischer Ziele."

Wenn die NATO in Jugoslawien Brücken und Kirchen bombardierte und die NATO heute in Afghanistan versucht, gegen den Willen der Afghanen, die Demokratie herbeizubomben, dann ist das für mich Terrorismus. Deshalb fordert die Partei Die Linke einen sofortigen Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan – und ich füge hinzu: Das ist auch der beste Schutz für die Soldaten der Bundeswehr! Unsere Stärke als Partei Die Linke ist Transparenz und Offenheit. Nur so können wir die Menschen gewinnen und überzeugen und im engen Kontakt mit den außerparlamentarischen Bewegungen bleiben.

Sechste Frage: Warum der demokratische Sozialismus mit demokratischen Mitteln erreichbar ist?

Die Linke lehnt Terrorismus ab. Wir sind von unseren Ideen so überzeugt, wir halten sie für so bestechend und einleuchtend, dass wir davon ausgehen, dass wir Mehrheiten für diese Ideen in der Gesellschaft erlangen können. Der Bundesregierung ist der freie Markt, oder nennen wir es doch einfach Kapitalismus, aus den Händen geglitten. Sie ist nicht mehr Herr der Lage und lässt sich von Lobbyisten auf der Nase herumtanzen. Deshalb ist es so absurd, dass sie bei jeder Gelegenheit unter der Bevölkerung Kompetenzillusionen verbreitet. Wir müssen aufpassen, dass wir als Linke von den Menschen nicht mit den Herrschenden in einen Topf geworfen werden, weil wir bewusst oder unbewusst den Eindruck vermitteln, dass wir wüssten, wie diese Gesellschaft krisenfrei gesteuert werden könnte. Unsere praktischen Vorschläge zur Bewältigung der Finanzkrise sind besser als alle Vorschläge von sogenannten Experten, von der Bundesregierung ganz zu schweigen, doch wir dürfen nicht die Illusion vermitteln, als ob wir Lösungen für die gravierenden Menschheitsprobleme im Rahmen dieser Gesellschaft hätten. Deshalb sind wir der Meinung, dass der Kapitalismus nicht das Ende der Geschichte ist und dass dem demokratischen Sozialismus die Zukunft gehört! Vielen Dank.

Diese nach der Tonaufzeichnung redigierte Fassung der Rede wurde von der Zeitung "Junge Welt" zur Verfügung gestellt.

 


25. Oktober 2010
Studie: Auswärtiges Amt tief in Holocaust verstrickt
Reisekostenabrechnung Franz Rademacher

MAZ vom 24.10.2010

Berlin (dpa) - Das Auswärtige Amt war im Dritten Reich viel stärker an der systematischen Verfolgung und Ermordung von Juden beteiligt als allgemein bekannt.

Dies geht aus dem Bericht einer unabhängigen Historikerkommission hervor, die sich mit dem Verhalten von Deutschlands Diplomaten in der Hitler-Zeit beschäftigt hatte. Zudem kam heraus, dass im Außenministerium nach 1945 erheblicher Aufwand betrieben wurde, um die eigene Nazi-Vergangenheit zu vertuschen.

Die Kommission war 2005 vom damaligen Außenminister Joschka Fischer (Grüne) eingesetzt worden, nachdem es Streit um die Nachruf- Praxis für verstorbene Diplomaten gegeben hatte. Daraus entstand nun ein fast 900 Seiten dickes Buch ("Das Amt und die Vergangenheit"). Außenminister Guido Westerwelle (FDP) kündigte am Sonntag an, die Studie zu einer "festen Größe" der Diplomatenausbildung zu machen.

In ihrem Abschlussbericht lässt die international besetzte Kommission keinen Zweifel daran, dass das Auswärtige Amt (AA) von 1933 bis 1945 zu den Stützen der Nazi-Herrschaft zählte. Demnach waren deutsche Diplomaten schon von Beginn an an der systematischen Judenverfolgung "aktiv beteiligt". Zwar gab es auch im AA Widerstand. Dies war jedoch die große Ausnahme.

Wörtlich heißt es in dem Bericht: "In vielen Fällen waren Angehörige des Auswärtigen Dienstes (...) an der Deportation von Juden unmittelbar beteiligt. Mitunter ergriffen sie sogar die Initiative." Die Kommission förderte zum Beispiel die Reisekosten- Abrechnung eines Diplomaten zutage, in der der Reisezweck unverhohlen mit den Worten beschrieben wird: "Liquidation von Juden."

Der Leiter der Kommission, der Marburger Geschichts-Professor Eckart Conze, bezeichnete das AA jener Jahre im Magazin "Der Spiegel" sogar als "verbrecherische Organisation", die die nationalsozialistische Gewaltpolitik zu jeder Zeit mitgetragen habe. Von damals mehr als 6000 Diplomaten seien die "Allermeisten" am Holocaust beteiligt gewesen. In der Nazi-Zeit wurden etwa sechs Millionen Juden ermordet.

Auch bei der Ausbürgerung von Hitler-Gegnern wie dem späteren Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) oder dem Schriftsteller Thomas Mann spielte das Ministerium eine wichtige Rolle. Dem Bericht zufolge kam der entscheidende Anstoß für die Ausbürgerung des Literatur-Nobelpreisträgers von Ernst von Weizsäcker, dem Vater des späteren Bundespräsidenten. Weizsäcker - damals Gesandter in Manns schweizerischem Exil - wurde 1949 als einer von wenigen NS-Diplomaten zu einer Haftstrafe verurteilt.

Trotz ihrer braunen Vergangenheit machten viele Diplomaten nach Kriegsende in der Bundesrepublik Karriere. Conze sprach von einer "hohen personellen Kontinuität mit teils schwer belasteten Diplomaten". In Ministeriumsschriften wurde das Verhalten zur Nazi-Zeit immer wieder beschönigt. Zudem wurden nach Erkenntnissen der Kommission von der "Rechtsschutzstelle" des AA polizeilich gesuchte Kriegsverbrecher vor der Verhaftung in anderen Staaten gewarnt.

Der frühere Außenminister Fischer kommentierte den Abschlussbericht mit den Worten: "Das ist der Nachruf, den die Herren verdienen." Westerwelle sprach von einem "wichtigen Beitrag zur Selbstvergewisserung des Amtes". Der frühere SPD-Außenminister Frank-Walter Steinmeier nannte es "unglaublich", dass bis zu einer systematischen Aufarbeitung fast 60 Jahre vergingen. Offiziell wird die Studie am nächsten Donnerstag in Berlin vorgestellt.

PRESSEMITTEILUNG

Arzneimittelpläne der Bundesregierung laufen ins Leere

29.06.2010 - Kathrin Vogler

„Das angebliche Sparpaket der Bundesregierung ist keine wirksame Pille gegen die schmerzhaft hohen Arzneimittelpreise in Deutschland“, bewertet Kathrin Vogler, für die Fraktion DIE LINKE Mitglied im Gesundheitsausschuss und dessen stellvertretende Vorsitzende, den heutigen Beschluss des Kabinetts zum Arzneimittel-Neuordnungsgesetz. Vogler erklärt weiter:

„Rösler gibt sich als Ritter im Kampf um niedrigere Arzneimittelpreise, bleibt jedoch Untertan der Pharmakonzerne. Im ersten Jahr können die Hersteller nämlich nach wie vor exorbitante Mondpreise verlangen. DIE LINKE legt darum eigene Vorschläge vor, wie die Arzneimittelpreise effektiv gesenkt werden können, wie zum Beispiel eine transparente Preisgestaltung, bei der der therapeutische Nutzen des Präparats zählt, die Kosten für die Forschung und Entwicklung berücksichtigt werden und finanzielle Anreize für das Entwickeln von Scheininnovationen abgeschafft werden. Zudem muss verhindert werden, dass die Industrie entgangene Profite durch höhere Umsätze wieder ausgleicht.

Der Einfluss der Pharmakonzerne auf Ärzte und auf Patienten muss endlich gestoppt werden, damit wir nicht den Zustand des französischen Gesundheitssystems bekommen: Halbe Preise, aber doppelt so viele Pillen. Das bedeutet für die Konzerne gleich hohe Gewinne und für die Kassen keinen Cent an Einsparungen.“

 

 

PRESSEMITTEILUNG

Sparpolitik gefährdet Verbraucherschutz

29.06.2010 - Caren Lay

"Für Verbraucherinnen und Verbraucher muss mehr getan werden. Die Lebensmittelkontrollbehörden und die Verbraucherzentralen müssen dringend gestärkt werden", so Caren Lay, verbraucherpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE, anlässlich der heutigen Vorstellung des Verbraucherschutzindex 2010 durch den Verbraucherzentrale Bundesverband e.V. (vzbv). Lay weiter:

"Der aktuelle Verbraucherschutzindex stellt der Verbraucherpolitik das schlechteste Ergebnis seit seinem Start im Jahr 2004 aus. Bund und Länder sind in der Pflicht, diese Entwicklung zu stoppen. Dingend erforderlich sind ein Ausbau der Verbraucherberatung und eine deutlich bessere Ausstattung der Kontrollbehörden.

Noch immer warten Verbraucherinnen und Verbraucher viel zu lang auf einen Beratungstermin bei einer Verbraucherzentrale. Bund und Länder müssen dringend nachlegen bei der finanziellen und personellen Ausstattung der Informations- und Beratungsstruktur.

Im Bereich der Lebensmittelüberwachung ergibt der Verbraucherschutzindex angesichts Schinkenimitaten, Gentechnik im Mais oder Listerienbakterien im Käse eine glatte Bankrotterklärung an den Verbraucherschutz. Die mangelhafte Personalausstattung bei der Marktüberwachung und in den Laboren gefährdet die Gesundheit der Verbraucherinnen und Verbraucher.

Freuen kann ich mich lediglich über die deutlichen verbraucherpolitischen Verbesserungen der links-regierten Bundesländer Berlin und Brandenburg.

 

 

PRESSEMITTEILUNG

Beobachtung der LINKEN endlich einstellen

09.01.2010 – Jan Korte

„Auch wenn es der niedersächsische Innenminister Schünemann noch nicht verstanden hat: Dass manche Länder, inklusive Niedersachsens, überhaupt ihren Geheimdienst auf eine Oppositionspartei ansetzen, ist ein Skandal. Die Beobachtung der Partei DIE LINKE ist antidemokratisch und muss schnellstens beendet werden“, so der Innenpolitiker Jan Korte, Mitglied im Fraktionsvorstand der LINKEN im Bundestag. Korte weiter:

„DIE LINKE ist eine Partei mit knapp 80000 Mitgliedern, die bei den letzten Bundestagswahlen die Unterstützung von 11,9 Prozent der Wählerinnen und Wähler bekommen hat, die 5600 kommunale Mandate ausfüllt, die Landräte und etliche Bürgermeisterinnen und Bürgermeister stellt und in manchen Bundesländern mehr Stimmen bekommt als die CDU. Eine solche Partei unter Generalverdacht zu stellen und vom Verfassungsschutz beobachten zu lassen zeugt nicht nur von einer undemokratischen Grundhaltung, sondern auch von einer politischen Ideen- und Konzeptlosigkeit im Umgang mit dem politischen Gegner.

Wer ist mit Gesetzesvorschlägen regelmäßig vor dem Bundesverfassungsgericht gelandet und musste sich in die Schranken weisen lassen? DIE LINKE war es nicht. Die Gründe für eine Beobachtung der LINKEN durch den Verfassungsschutz sind absurd und konstruiert. Die Beobachtung und Diffamierung der Partei DIE LINKE mit staatlichen Geheimdiensten ist klarer Machtmissbrauch und muss unverzüglich eingestellt werden.“

 


6. Januar 2010

Die Kurzarbeit hat Grenzen

Wortlaut: Die Fraktion in den Medien
06.01.2010 – Sabine Zimmermann

Arbeitsmarktbilanz 2009: Bisher blieb die große Katastrophe aus. Sabine Zimmermann über die Aussichten für den Arbeitsmarkt 2010

2010 droht der Einbruch auf dem Arbeitsmarkt – nicht nur wegen der weltweiten Wirtschaftskrise. Dass Schwarz-Gelb die unsoziale Arbeitsmarktpolitik der Großen Koalition fortsetzen wird –, mit unabsehbaren Folgen für die Erwerbslosen – fürchtet Sabine Zimmermann. Die 49-jährige Gewerkschaftssekretärin ist arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag. Mit ihr sprach Grit Gernhardt.

Entgegen pessimistischen Annahmen macht sich die Wirtschaftskrise auf dem Arbeitsmarkt bisher nur wenig bemerkbar. Kommt der große Einbruch noch?

Keiner kann heute genau sagen, wie stark der Arbeitsmarkt von der Krise in Mitleidenschaft gezogen wird. Fakt ist: Schon im letzten Jahr sind hunderttausende sozialversicherungspflichtige Vollzeitarbeitsplätze verloren gegangen, vor allem im verarbeitenden Gewerbe.

Die Arbeitslosenstatistik spiegelt das nicht richtig wieder. Zum Teil, weil es statt Vollzeitarbeitsplätzen immer mehr Teilzeit- und Minijobs gibt. Zum Teil, weil nicht alle Erwerbslose von der Statistik erfasst werden. Gegenüber dem Vorjahr ist die Zahl der unterbeschäftigten Menschen um 358 000 auf nunmehr 4,5 Millionen gestiegen – das steht zwar nicht in der Pressemeldung der Bundesagentur für Arbeit, aber in einem Unterabschnitt ihres aktuellen Berichts. Wir sollten nicht auf eine große Katastrophe warten, sondern schon jetzt gegen den Abbau von Arbeitsplätzen und für eine bessere finanzielle Absicherung in der Arbeitslosigkeit kämpfen.

Seit Monaten wird die Kurzarbeiterregelung als Allheilmittel gepriesen und immer weiter verlängert. Kann Kurzarbeit die Probleme lösen, die durch Unternehmergier und unkontrolliertes Renditestreben entstanden sind?

Kurzarbeit übernimmt derzeit eine Brückenfunktion, um den wirtschaftlichen Einbruch abzufedern. Ihr sind jedoch Grenzen gesetzt, wenn – wie für den Automobil- oder Maschinenbau prognostiziert – mittelfristig bis zu einem Viertel der Aufträge wegbrechen. Ich meine, der Staat darf dann das Schicksal von Millionen Menschen nicht einer »Marktbereinigung« überlassen.

Die LINKE will deswegen mit einem Zukunftsfonds von 100 Milliarden Euro den industriellen Sektor umbauen, ökologisch-sozial und gesellschaftlich kontrolliert. Und wir wollen durch ein neues Investitionsprogramm die Binnennachfrage stärken.

Das Institut für Wirtschaftsforschung Halle rechnet damit, dass die Zahl der Erwerbstätigen bis 2011 um eine Million sinkt. Eine realistische Prognose?

Ja, durchaus möglich. Schon im Dezember 2009 hat sich die Erwerbstätigkeit gegenüber dem Vorjahr um 218 000 verringert. Mindestens genauso wichtig ist jedoch die Frage, was es für Arbeitsplätze gibt. In den letzten Jahren ist sozialversicherungspflichtige Vollzeitbeschäftigung massiv abgebaut worden. Dagegen boomen Teilzeitjobs, Minijobs und zum Teil auch wieder Leiharbeit. Jobs mit meist schlechter Bezahlung und befristeten Verträgen. Alles ein Produkt der Liberalisierung auf dem Arbeitsmarkt, die umgekehrt werden muss.

Großunternehmen oder Mittelstand – wer werden die großen Verlierer sein, wenn die Krise auf dem deutschen Arbeitsmarkt angekommen ist?

So lässt sich das nicht beantworten. Viele kleine Unternehmen sind ja schon ungehört verschwunden. Aber das Beispiel Karstadt bzw. Arcandor zeigt, dass die regierende Politik keine Skrupel hat, auch Großunternehmen Pleite gehen zu lassen. Verlierer sind in jedem Fall die Beschäftigten. In den Großbetrieben sind jedoch die Gewerkschaften besser verankert und können so besser gegen Entlassungen kämpfen.

Mit der Schröderschen Agenda 2010 wurde der Weg zur Ausgrenzung und Stigmatisierung von Erwerbslosen bereitet. Was droht ihnen von der Arbeitsmarktpolitik der schwarz-gelben Koalition?

Union und FDP wollen hier weitermachen. Die Regelsätze von Hartz IV sollen nicht erhöht werden. Damit wird auch weiter Druck auf die ausgeübt, die noch Arbeit haben. Denn ihnen droht beim Verlust der Arbeitsplatzes nach einem Jahr der Sturz in Hartz IV. Ferner will Schwarz-Gelb die Minijobs fördern, befristete Anstellungen erleichtern und Armutslöhne durch die Anhebung der sogenannten Hinzuverdienstgrenze stärker subventionieren.

Die Linke fordert seit Jahren einen höheren Arbeitslosengeld-II-Regelsatz. Ist das angesichts des Milliardendefizits der Bundesagentur für Arbeit überhaupt finanzierbar?

Das würde den Haushalt der Bundesagentur für Arbeit mit keinem Cent belasten, da das Arbeitslosengeld II aus Steuermitteln finanziert wird. Wir sagen: Wer Milliardengeschenke an Unternehmen macht, kann nicht behaupten, dass kein Geld dafür da ist.

Interview: Grit Gernhardt

Neues Deutschland, 6. Januar 2009

 


6. Januar 2010

Anständiger Lohn sicherer als staatliche Peepshows

www.mycomics.de

Wortlaut: Die Fraktion in den Medien
04.01.2010 – Petra Pau

LINKE gegen Nacktscannereinsatz – CDU-Experte für raschen Test

Von René Heilig

Hysterie verursacht – sobald sie von interessierten Politikern angeheizt wird – einfache, medienkompatible Antworten. Daher werden nicht nur auf deutschen Flughäfen schon bald umstrittene Nacktscanner zum Einsatz kommen.

Nicht nur Datenschützer haben sich kritisch zu Wort gemeldet. Auch Gesundheitsexperten erheben Bedenken gegen den Einsatz von Nacktscannern. Aus Sicht des Vorsitzenden der deutschen Strahlenschutzkommission, Rolf Michel, könnte die Röntgenstrahlung der Geräte langfristig Krebs und Leukämie erzeugen. Doch derartige Einwände lähmen Politiker der schwarz-gelben Regierungsfraktion keineswegs: »Nach meiner Einschätzung werden wir in einem halben Jahr mit Testversuchen auf deutschen Flughäfen beginnen können«, sagte Unionsinnenexperte Wolfgang Bosbach der »Neuen Osnabrücker Zeitung«. Laufe alles glatt, könne einige Monate später der Normalbetrieb beginnen.

Kaum zurückhaltender als der CDU-Innenexperte reagierte der italienische Innenminister Roberto Maroni: »Wir haben die Mittel, sie zu erwerben, müssen aber noch den Widerstand der europäischen Datenschützer überwinden.« Er werde sich umgehend mit der italienischen Luftfahrtbehörde treffen, um eine Lösung für das Problem zu finden. »Unser Vorhaben ist es, sie schnell in Fiumicino (Rom) und Malpensa (Mailand) zu installieren.« Die Körperscanner würden nur bei Flügen eingesetzt, bei denen ein hohes Sicherheitsrisiko herrsche.

Deutschland und Italien stehen nicht alleine. Mehrere europäische Länder kündigten bereits die Einführung der Ganzkörperscanner auf Flughäfen an. Die Niederlande sind vom Aktionismus ergriffen und in der Schweiz wird der Einsatz ernsthaft diskutiert.

Auch in Nigeria beeilen sich die Verantwortlichen, den Nacktscannern Prioritäten einzuräumen. Kein Wunder. Immerhin war es ein Nigerianer, der am ersten Weihnachtsfeiertag die Hysterie ausgelöst hatte, weil er versuchte, auf einem Flug von Amsterdam nach Detroit Sprengstoff zu zünden, den er in seine Unterwäsche eingenäht an Bord geschmuggelt hatte. Das nur knapp vereitelte Bombenattentat hat die Debatte über die umstrittenen Nacktscanner wieder in den Mittelpunkt gerückt. In den USA soll die Zahl der bereits genutzten Scanner verdreifacht werden. Insider ahnen Lobbypolitik.

In den USA fordert die Bürgerrechtsorganisation ACLU, statt der Nacktscanner auf »Puffer« zu setzen. Das Gerät kann chemische Teilchen am Körper einer Person analysieren und bestimmen, ob diese gefährlich sind oder nicht. Das Gerät bläst Wolken (sogenannte puffs) von mit chemischen Stoffen reagierender Luft rund um die zu untersuchende Person. Eine andere Alternative sei ein »Guardian« genanntes Gerät. Mit dem tragbaren und dadurch hochflexibel einsetzbaren »Wächter« lassen sich gleichfalls Spuren explosiver Stoffe nachweisen. Doch offenbar verursachen die Geräte zu große Kosten im täglichen Gebrauch.

CDU-Mann Bosbach verschanzt sich bei seinen Vorstößen hinter anderen Entwicklungen. Die deutsche Bundespolizei, so heißt es, hätte eine weiterentwickelte und damit akzeptable Variante der bisherigen Nacktscanner zu bieten. Bei denen würde der Intimbereich von Flugpassagieren gepixelt und wäre somit auf dem Scanner nicht klar erkennbar.

»Gegen Körperscanner sprechen sachliche, ethische und gesundheitliche Gründe«, sagt dagegen Petra Pau von den LINKEN. Der Glaube an Körperscanner, so die Bundestagsinnenexpertin, sei »eine sicherheitspolitische Fata Morgana«. Sie fordert statt neuer Technik eine anständige Bezahlung für die Mitarbeiter der Sicherheitsunternehmen, die mit der Passagierkontrolle beauftragt sind. »Motivierende gesetzliche Mindestlöhne für Sicherheitsdienste sind allemal wirksamer als staatliche verordnete Peepshows.«

Neues Deutschland, 4. Januar 2010


Pressemitteilung
04.01.2010 – Jan Korte
Deutschland sucht den Superscanner

„Die Sicherheitsshow ist dieselbe, die Jury hat gewechselt. Auch in der Sicherheitspolitik der neuen Bundesregierung sind schnelle Showeffekte wichtiger als die wirkliche Schaffung von mehr Sicherheit“, so der Innenpolitiker Jan Korte, Mitglied im Fraktionsvorstand der LINKEN im Bundestag zur derzeitigen Diskussion über die umstrittenen Nacktscanner. Korte weiter:

„Egal wie die FDP es dreht und wendet: Nacktscanner bedeuten einen erheblichen Eingriff in die Intimsphäre oder sie sind unbrauchbar. Die nachweihnachtliche Wunschliste der FDP liest sich so: Generalsekretär Lindner sucht einen Nacktscanner, der aber keine Peep-Show ermöglicht. Auch Staatssekretär Stadler meint, mit neuartigen Scannern den Eingriff in die Intimsphäre ‚so gering wie möglich‘ halten zu können und vernachlässigt dabei, dass es kaum eine Technik geben kann, die verhindert, dass Menschen mit Prothesen, künstlichen Darmausgängen oder Urinbeuteln systematisch unter Terrorverdacht fallen.

Mit dem Einsatz von Nacktscannern soll nun auf Kosten der Bürger- und Freiheitsrechte die Sicherheitslücke geschlossen werden, die durch die Sparpolitik von Flughafenbetreibern überhaupt erst entstanden ist. Doch die einfache Lösung, nämlich für mehr gut bezahltes und qualifiziertes Personal an den Flughäfen zu sorgen, wird offenbar gar nicht in Erwägung gezogen.

Es ist an der Zeit, dass die Persönlichkeitsrechte von Bürgerinnen und Bürgern nicht mehr als lästige Hürde für Sicherheitsgesetze gesehen werden sondern als grundlegende Rechte anerkannt werden. Statt in Aktionismus zu verfallen und wie die Vorgängerregierung sicherheitspolitische Säue durch die Medien zu jagen steht die Bundesregierung in der Pflicht, die Flughafenbetreiber in die Verantwortung zu nehmen, für einen sicheren Flugverkehr zu sorgen ohne dass Flugreisende diskriminiert und in ihren Rechten eingeschränkt werden.“


17. September 2009

Tatsächliche Arbeitslosigkeit

Schlechte Meldungen kann die Regierung vor der Bundestagswahl nicht gebrauchen. Deshalb lässt sie sich ständig neue Tricks einfallen, um die Arbeitslosenzahlen schön zu rechnen. Arbeitslose, die krank sind, einen Ein-Euro-Job haben oder an Weiterbildungen teilnehmen, werden bereits seit längerem nicht als arbeitslos gezählt. Fast alle Arbeitslosen, die älter als 58 sind, erscheinen nicht in der offiziellen Statistik. Im Mai 2009 kam eine weitere Ausnahme hinzu: Wenn private Arbeitsvermittler tätig werden, zählt der von ihnen betreute Arbeitslose nicht mehr als arbeitslos, obwohl er keine Arbeit hat.

Wer die tatsächliche Arbeitslosigkeit erfassen will, muss ehrlich rechnen. Dazu sagte Arbeitsminister Olaf Scholz (SPD) am 4. Juni 2009 in der Fernsehsendung Panorama: "Alles, was an Effekten durch arbeitsmarktpolitische Maßnahmen entsteht, wird jedes Mal zusammen mit der Arbeitsmarktstatistik veröffentlicht. ... Ich glaube, dass man sich auf die Seriosität dieses Prozesses verlassen kann." Wer anders rechnen wolle, könne ja "seine Zahl veröffentlichen - und dazu ein Flugblatt drucken." Das tun wir gern, Herr Scholz. Hier ist die tatsächliche Zahl, die allein auf amtlichen Daten beruht. Arbeitslos sind 4.614.405 Menschen. Statt zu tricksen ist es Zeit zu handeln.

August 2009

Tatsächliche Arbeitslosigkeit:  4.624.930
Offizielle Arbeitslosigkeit:        3.471.513
Nicht gezählte Arbeitslose:     1.153.417

Nicht gezählte Arbeitslose aufgeschlüsselt:

Älter als 58, beziehen Arbeitslosengeld II: ca. 350.000
Älter als 58, beziehen Arbeitslosengeld I (§ 428 SGB III): 19.997
Ein-Euro-Jobs (Arbeitsgelegenheiten): 332.562
Berufliche Weiterbildung: 204.336
Eignungsfeststellungs- und Trainingsmaßnahmen (z.B. Bewerbungstraining): 12.433
Aktivierung und berufliche Eingliederung (z.B. private Arbeitsvermittlung): 158.719
Beschäftigungszuschuss (für schwer vermittelbare Arbeitslose): 36.879
Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen: 11.318
Kranke Arbeitslose (§126 SGB III): 27.173

 


15. September 2009

Nachricht 11.09.2009 – Klaus Ernst, Gregor Gysi

An Taten soll man Politiker messen

»Kinder von Hartz-IV-Empfängern sollen künftig mehr Geld verdienen können, ohne dass ihren Eltern ein Großteil der Summe wieder abgezogen wird«. Das forderte Volker Kauder (CDU) am 26. August in der TV-Sendung »Hart aber Fair«. Warum ließ der CDU-Politiker zu diesen Worten hinreißen?

An jenem 26. August fragte Frank Plasberg in seiner Talkrunde: »Alle reich, alle gleich? Wie sozial kann Deutschland wirklich sein?« Seine Gäste, die zu diesem Thema Stellung nehmen sollten, waren unter anderen Gregor Gysi, Fritz Kuhn, Fraktionsvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen, und (eben auch) Volker Kauder, der Chef der Unionsfraktion. Im Laufe der Sendung kam die 15jährige Laura W. zu Wort. Diese hatte in den Sommerferien fleißig gearbeitet, um sich ihren größten Wunsch zu erfüllen: eine E-Gitarre. Da Laura aber Tochter einer alleinerziehenden Hartz-IV-Empfängerin ist, musste sie den größten Teil des ersten selbstverdienten Geldes an den Staat zurückzahlen. Laura ist nämlich Mitglied der Bedarfsgemeinschaft.

Der Fall dieses jungen Mädchens macht auf ein Gesetz aufmerksam, dass von der rot-grünen Regierung 2004 beschlossen wurde. Kinder von Hartz-IV- Empfängern dürfen im Monat nur 100 Euro ihres erarbeiteten Geldes behalten. Der Rest wird der Familie vom Arbeitslosengeld II wieder abgezogen. Laura fühlt sich gegenüber ihren Klassenkameraden und Klassenkameradinnen und Freunden benachteiligt. Diese dürfen, sofern sie nicht ebenfalls Hartz-IV-Kinder sind, bis zu 7664 Euro im Jahr dazu verdienen.

Die anwesenden Gäste und Politiker im Studio waren schockiert. Versprechungen von CDU, FDP, Grünen und SPD wurden gemacht, diese Ungerechtigkeit schnellstmöglich zu beenden. Und am 8. September hatten alle die Chance, ihren Worten auch Taten folgen zu lassen. Es hieß Farbe zu bekennen. Wie bereits von Gregor Gysi noch in der Sendung angekündigt, hatte DIE LINKE sofort einen Antrag zur Änderung dieses Gesetzes in den Bundestag eingebracht, über den abgestimmt wurde.

Klaus Ernst, stellvertretender Vorsitzender der Fraktion DIE LINKE, wundert sich nicht über das Ergebnis. »Große Klappe, nichts dahinter”, kritisiert er. Denn der Antrag wurde von CDU/CSU und SPD abgelehnt. Die FDP enthielt sich. Ernst weiter: »Diese skandalöse Regelung demütigt die jungen Leute tief und ist an Leistungsfeindlichkeit kaum noch zu überbieten.«

Kinder wie Laura werden wohl auch zukünftig von der Erfüllung größerer Wünsche nur träumen können. Denn markige Sprüche, wie die von Volker Kauder, haben sich als haltlos, als leere Wahlversprechen, erwiesen.

 


22. Juni 2009

LINKE geht geschlossen in den Bundestagswahlkampf

Bundestagswahlprogramm beschlossen

Auf ihrem Bundesparteitag am 20./21. Juni hat die LINKE ihr Wahlprogramm für die Bundestagswahl beschlossen. Die Kernforderungen sind: Hartz IV und der Renteneinstieg erst mit 67 gehören abgeschafft, gleiche Löhne bei gleicher Arbeit in Ost und West, ebenfalls gleiche Renten, Erhöhung des Spitzensteuersatzes auf 53 Prozent, (Wieder-)Einführung einer Börsenumsatzsteuer von einem Prozent, Vermögenssteuer und Millionärssteuer, Vergellschaftung privater Banken, Verbot von Hedgefonds, die Einführung eines Zukunftsfonds für Investitionen in Höhe von 100 Milliarden EUR, flächendeckernder gesetzlicher Mindestlohn (beginnend bei 8 EUR und schrittweise steigend auf 10 EUR), schrittweise Erhöhung des Regelsatzes Hartz IV auf 500 EUR.
Zum Bundestagswahlprogramm der LINKEN

12. Juli 2009

Konsequent Sozial - für Brandenburg

Brandenburger LINKE verabschiedet einstimmig Landtagswahlprogramm 2009

Kompetenzteam der Brandenburger LINKEN 2009

Die LINKE Brandenburg hat auf ihrem Landesparteitag am 12. Juli das Wahlprogramm zur Landtagswahl bei einer Enthaltung beschlossen. Die Delegierten hatten zuvor zahlreiche Änderungsanträge beraten. Im Vorfeld des Parteitages war in einem landesweiten Dialog mit Gewerkschaften, Vereinen und Initiativen über den Entwurf des Programms diskutiert worden.

Das nun beschlossene Programm enthält im Gegensatz zum Entwurf die klare Aussage, dass DIE LINKE für einen Politikwechsel bereit ist, Regierungsverantwortung zu übernehmen. Außerdem wurden zwei weitere Schlüsselprojekte in das Programm aufgenommen (Gemeinschaftsschule, Interkommunale Zusammenarbeit). Auf Antrag des Jugendverbandes Linksjugend/solid' bekennt sich DIE LINKE nun zum Ziel des Ausstiegs aus der Braunkohleverstromung bis zum Jahr 2040.

Zum Abschluss des Parteitages stellte Spitzenkandidatin Kerstin Kaiser ihr Kompetenzteam für den Wahlkampf vor: Ralf Christoffers, Thomas Domres, Christian Görke, Gerrit Große, Gerd-Rüdiger Hoffmann, Stefan Ludwig, Hans-Jürgen Scharffenberg, Gerlinde Stobrawa, Anita Tack, Kornelia Wehlan, Birgit Wöllert